Schreibt man was zum Tode von Bernd Merling, der hier gelegentlich Gast war? Ja. Warum auch nicht.
http://www.nachrichtenspiegel-online.de/2010/10/30/bernd-merling-zum-tode/
Während ich ein wenig darüber nachdachte und einen weiteren Artikel der Welt verdaute, der wieder mal Hartz IV-Abhängige als Freiwild anpries, merkte ich, wie mich ein gewisser Ekel überkam. Ich habe mich erinnert - an die "Faschismus"-Debatte, an die Zankereien und Streitigkeiten in deren Mittelpunkt die Person des Bernd Merling stand. Mahnwachen vor dem Club Voltaire, Schlägereien, endlose Seiten vollgeschrieben - warum?
Um zu beweisen, wer der bessere Linke ist. Das scheint in gewissen Kreisen (wie ich erst kürzlich hörte, erst recht in Frankreich) das oberste Gebot zu sein - erst schauen, ob das auch ein voll korrekter Linker ist mit den "richtigen" Meinungen zu Israel, zu Verschwörungstheorien, zu Esoterik, schauen, ob man auch in allen "richtigen" Kreisen verkehrt, in den "richtigen" Arbeitsausschüssen und "richtigen" sozial Gruppierungen Mitglied ist.
Was ist das nur für eine erbärmliche Szene.
Wen kümmert das Elend der Menschen eigentlich wirklich? Und wer sattelt nicht einfach noch was drauf, um sich selbst ins "richtige" linke Licht zu setzen? Was ist mit diesen Anti-Hartz-Aktivisten, die sich eine goldene Nase an der Gesetzgebung verdienen und sie nebenbei als tolle Lösung verkaufen - wenn man Geld genug hat, die Seminare zu bezahlen, die sie geben?
Den Leuten vor Ort ist es egal, ob man ein echter Linker ist - im Osten ist es weitflächig auch die NPD, die hier Hilfe leistet ... ebenfalls nicht uneigennützig noch unnütz, wie man an den Wählerzahlen sieht.
Wie fühlt man sich, wenn man von diesen ganz tollen engagierten Linken auch noch Begleitbesuche zur ARGE verordnet bekommt, die sofort eine Front eröffnen, wo nicht unbedingt eine nötig ist und andere, konstruktivere Vorgehensweisen eher im Sinne des Antragstellers wären? Wie oft wird hier menschliches Leid mißbraucht, um das eigene Ego aufzupolieren, um endlich mal den richtig guten Revolutionär zu spielen? Wie oft ein demotivierter entwürdigter Mensch noch zusätzlich entmündigt?
Wie fühlt man sich, wenn man Fragen zu nine-eleven hat (was auch ganz unpolitisch geht) und auf einmal zu den Hauptverantwortlichen des deutschen Völkermordes gezählt wird?
Wie fühlt man sich, wenn man Frieden und Ruhe in der Religion findet oder auch hier einfach nur Fragen auf niedrigstem Niveau hat, aber für die Fragen gleich in die Ecke der grenzdebilen Nationalpolitiker gestellt wird?
Nicht gut ... und man merkt mit jedem Satz, der für das "richtige" Linkssein gesprochen wird, das es ein Satz ist, der "gegen Rechts" fehlt.
Was ist auch von jenen "Linken" zu halten, die erstmal eine Woge von Dogmen vor sich herschieben, denen man zustimmen muß, bevor man von ihnen die Gnade der Aktzeptanz zugesprochen bekommt uns sich vor Mahnwachen und Blockaden nicht mehr fürchten muß?
Man hört hier einen neuen Stalin, einen neuen Pol Pot. Man kann sich ausrechnen, was geschieht, wenn zu dieser Weltsicht noch Macht kommt - Gulag oder Killing Fields. Diktatur gibt es halt auch in rot - und fängt ganz klein bei mangelnder Toleranz an.
Wenn man also von dem Tod der Linken spricht ... so war es eher Selbstmord. Eher die Tatsache, das man die Diskussion über das wirklich wahrhaft richtige Linkssein für viel wichtiger einschätzte als die Verbesserung der unhaltbaren Zustände ... jener Zustände, von deren Existenz ja die eigene ideologische Existenz abhängt, denn immerhin: ohne Prolet-arier keine Revolution, ohne Revolution keine Diktatur des Proletariats und ohne Diktatur des Proletariats kein Pöstchen - und das war es dann mit dem Balletbesuch.
Vielleicht sollte man daraus die Lehre ziehen, das man lieber stramm rechts auftritt, sich eine strammrechte Gesinnung zulegt und dann ... leise still und heimlich das Leid der Menschen zu lindern versucht. Schaut man sich die Entwicklung von SPD und Grünen so an, so scheint es, das viele ehedem Linke genau diesen Weg genommen haben - aus Flucht vor den Ministalins der postkommunistischen Weltrevolution.
Wenn ich nur an die Diskussion um das Grundeinkommen der FDP denke ... kriege ich schon Bauchschmerzen. Der Kampf gegen einen politischen Treffer der FDP war vielen wichtiger als die Abschaffung des restriktiven und erniedrigenden ARGE-Systems.
Was will man denn da eigentlich?
Warum wendet man tausend Internetseiten auf um zu beweisen, das alle Verschwörungstheoretiker Esoteriker und Faschisten sind, anstatt mit der Arbeit konstruktive Utopien für die Zukunft aufzubauen, die etwas mehr enthalten als nur stereotype Forderungen: Kohl muß weg, Schröder muß weg, Merkel muß weg.
Weil man nichts anderes kann, als "dagegen" sein, weil "dagegen sein" die einzige Qualität ist, die man am Ende seines Lebens erlangt hat? Soll das alles sein? Und wenn man zu blöde oder zu feige ist, sich mit jenen anzulegen, die Macht haben (und sich sogar als eifender Jäger von Verschwörungstheoretikern und anderen Scheinfaschisten schützend vor sie stellt), teilt man lieber in eigenen Reihen aus?
Sowas paßt nicht in eine Würdigung der Arbeit von Bernd Merling. Darum habe ich es hierhin gestellt - bevor ich es vergesse.
Von einem französischen Philosophen habe ich mal die ernüchternde Meinung gehört, das die "Linken" nur jene sind, die bei der Jagd nach den Fleischtöpfen zu kurz gekommen sind und jetzt das Volk auf die Straße treiben wollen, um sich von ihnen (mit viel Kampfrhetorik)zu eben jenen Fleischtöpfen spülen zu lassen - König anstelle des Königs werden ist ihr Begehr.
Das erklärt die interne Hackerei ... König ... kann in Wirklichkeit nur einer werden. Da muß man dauernd gucken, das man dem Kollegen schnell noch den "Faschisten" ans Bein bindet um im entscheidenden Moment der Pöstchenverteilung auch wirklich ganz vorne zu stehen ... ein Reflex, so fürchte ich, der kaum zu bändigen ist.
Gut zu sehen, das diese Art von Linken ausstirbt, weil die Menschen ihnen nicht mehr folgen wollen. Wieso auch: autoritäre Dogmen hat man auch von Staat, Wirtschaft und Kirche schon genug - die braucht man nicht auch noch von "Linken".
Gut auch zu sehen, das Menschen heranwachsen, deren Durst nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit so groß ist, das sie mehr tun als Parolen brüllen ... und lieber im Alltag vor Ort schauen, wie sie das Leben der Menschen Schritt für Schritt verbessern können, eher im Miteinander als im Gegeneinander, die eher nach dem Verbindenden als nach dem Trennenden schauen und die Oma nicht nach dem Parteibuch, der Meinung zum Zionismus oder der Tradition des Kartenlegens fragen, bevor sie ihr über die Straße helfen.
