Nun denke ich, ist es an der Zeit, kund zu tun, warum hier geschlossen war. Der Tot hatte angeklopft. Für einen Moment ... schien es nicht sicher, ob mein Wohnzimmer nicht verwaist. In kleinem, engen Blogfreundeskreis habe ich das geschildert - nach langem Zögern. Es schien mir unfreundlich, gegenüber Menschen, mit denen man schon das eine oder andere freundliche Wort ausgetauscht hatte, einfach wortlos zu verschwinden. So ein Nicht-ok ist modern, aber auch unnützes Leid, das leicht verhindert werden kann.

Für die vielen guten Wünsche, Tipps und Hinweise möchte ich mich bedanken. Sie haben sehr das Herz gerührt. Ja - ich werde Vorkehrungen treffen, das man nach Wunsch an meiner Beerdigung teilhaben kann. Jedoch erwarte ich, das dies noch ein paar Tage dauert. Man hat erfolgreich an mir herumgeschnitten, möchte das gerne nochmal wiederholen ... und Gevatter Tod rückt wieder weiter weg. Ich vermute inzwischen ... er war nie in der Nähe - aber man konnte was abrechnen.

Eigentlich ... hätte ich nichts zu erzählen brauchen. Wäre hier ruhiger geworden, spärlicher im Arbeitszimmer - aber in Wirklichkeit hätte sich doch in dieser flüchtigen virtuellen Welt kaum jemand Gedanken gemacht.

Nun ist der Tod aber eine wichtige Angelegenheit, gerade für unsere Kultur, die sich unsterblich wähnt. Nein, natürlich nicht, wenn man sie drauf anspricht - aber vom Lebensgefühl her. Tibeter und Ägypter haben ihr Leben damit verbracht, sich auf den Tod vorzubereiten, weil er den Übergang in ein ewiges Himmelreich darstellt ... wenn man es richtig hinbekommt. Bei den Tolteken, Germanen und Christen findet sich ähnliches - doch wird es nur noch selten gelehrt. Deshalb leben wir in den Tag hinein und können eigentlich gar nicht oft genug daran erinnert werden, das das alles hier ... nur eine kurze Zeit mit sicherem Ende darstellt.

Der Tod kommt jedoch zu uns als Unfall, als unerwünschter Gevatter, an den niemand glaubt. Wenn er vor der Tür steht, stellen wir die Sterbenden auch gerne weg. Wir sind inzwischen wie Kinder geworden, die sich die Augen zuhalten und meinen, dann nicht gesehen zu werden.

Sterben ist auch hässlich, machen wir uns nicht vor. Sterben erinnert an ein altes Auto, das langsam kaputt geht. Mein altes Auto ist dann auch über diese Prozedur von mir gegangen. Das Getriebe - völlig kaputt. Indianer würden sagen: es hat den Tod für mich auf sich genommen.

Ich finde, die reden immer sehr liebevoll mit ihren Dingen, diese Indianer. Bei denen hat ja auch jedes Dingen einen "Manitou", einen kleinen Geist Gottes in sich. Sogar der Ackermann, der Schröder und der Clement.

Überhaupt sterben wir jeden Tag ein kleines bischen - jede Nacht sogar total ... jedenfalls als Bewußtsein. Die wenigsten haben Angst davor, einzuschlafen. Vor dem letzten Schlaf fürchten sich viele.

Das es ein Schlaf wird, sehe ich nicht. Vielleicht wird es unangenehm für die, die nicht in Frieden gehen, für die, die getötet haben - die Nahtodesforschung spricht manchmal davon. Andere sprechen von einer großen Weite, die glücklich macht .... und einer großen Tiefe, die ängstigt.

Ich hätte gerne davon berichtet, wie es wirklich ist, aber ... ich fürchte, bei mir hat die ärztliche Kunst versagt. Fürchterlich versagt - mal wieder. Ich kann mir sogar vorstellen, das das Herumschneiden völlig sinnlos war und nur der Abrechnung diente, doch bin ich zuwenig Mediziner, als das ich das beurteilen könnte.

Für einen Moment aber ... war er da, jener Moment, den jeder mal hat, wo man weiß: das war es jetzt. Es gibt keinen Neustart, keine Verlängerung, keine Extrarunde. Der Schlusspfiff war da - das Spiel ist aus.

Solche Momente sind heilsam. Jedenfalls waren sie es für mich. Ich hatte Zeit nachzudenken - und meine Gegner im Alltag haben die Zeit genutzt, gegen mich vorzugehen. Das ist lästig - aber nicht weiter tragisch. Dann muss ich eben noch ein paar mal mehr vor Gericht um krumme Dinge gerade zu rücken.

Was ich gelernt habe, war ... das die Arbeit im Arbeitszimmer bitter nötig ist. Davon lasse ich nicht ab. Jedes Wort, jede Zeile, jeder Absatz Tag für Tag ist wichtig, von mir und einer hoffentlich täglich wachsenden Menge von Berufsnörglern. Gegen die Offensive der Neoliberalen ist unser Widerstand stümperhaft, albern, kindlich - aber alternativlos. Endlich kann man das Wort auch einmal gebrauchen.

Heute Abend gibt es einen passenden Themenabend dazu:
http://www.dielinke-aachen.de/kv/termine/details/1364-themenabend-mechanismen-psychosozialer-zerstoerung

"Mechanismen psychosozialer Zerstörung".

Ginge es mir schon gut genug (und könnte sich jemand um meine Kinder kümmern) so wäre ich dort. Das sicherlich wichtigste Thema für Bürger in Deutschland im 21. Jahrhundert. Diese Mechanismen sind vielfältig und solange sie greifen, haben soziale Bewegungen keine Chance. Das Buch zum Thema ist noch nicht erschienen ... soll aber auch schon Möglichkeiten des Widerstandes beleuchten.

Was wäre wichtiger als dies? Ich las über die erzwungene Ruhezeit hinweg etwas von den Altvätern, den Wüstenmönchen der frühchristlichen Jahrhunderte. Auch wenn es fremd klingt: hier fand ich viele Methoden, gegen die psychosoziale Zerstörung Widerstand zu leisten.

Und das fehlt mir etwas bei meiner Arbeit. Im Arbeitszimmer fehlt ... die Besinnlichkeit. Und vielleicht auch die Leserschaft dafür, wenn ich mich so umschaue, wie die zu uns kommen und was sie so suchen.

Die Situation, in der wir uns befinden, scheint aber ernster, als es selbst die übelsten Schwarzseher vermuten. Es scheint nicht zu weit gegriffen, die momentane Strömung auf ein "Töten ist geil!" zu reduzieren:

http://www.nachrichtenspiegel-online.de/2011/05/04/toten-ist-geil-uber-hartz-iv-und-andere-mordversuche/

Ein wenig sei mir also mein dramatischer Abschied verziehen - er war dafür viel kürzer als erwartet. Ich werde deutlich kürzer treten müssen - was meinen Alltag angeht. Dafür nehme ich mir vor, an diesem Ort mehr die Philosophie zu Worte kommen zu lassen, weniger die Politik.

Sich der psychosozialen Zerstörung zu entziehen, wäre mir ein wichtiges Anliegen. Dabei sollte die Philosophie ein wenig beitragen können. Ich hoffe, mir fällt dazu auch etwas ein. Widerstand dagegen zu leisten, scheint ebenfalls wichtig - ich vermute, die treibenden Psychopathen hinter der Entwicklung werden nicht von selbst aufhören.

Zuletzt noch ein paar Worte des Dankes - für jene, die die Blumen gegossen haben und den Staub fortgewischt. Und für die vielen lieben Worte.

Ich muss mich jedoch entschuldigen: ich bin noch nicht tot. Die Worte waren zu früh gesprochen. Oder ... höchstens so tot wie Osama bin Laden früher immer war. Und vor allem wohne ich schöner als der. Das hilft, heil zu bleiben und sich der Zerstörung etwas zu widersetzen.