Deutschland schafft sich ab.

Politisch, gesellschaftlich, sozial, kulturell.

Alle schauen zu, die meisten findens gut oder machen einfach gute Miene zum bösen Spiel - oder finden es ganz gut. Machen wir uns doch nichts vor: wir leben in DEUTSCHLAND. Dieses Land hat nun mal eine gewissen Vergangenheit, die man nicht einfach wegreden kann. Aufgrund dieser Vergangenheit (und aufgrund der überlebenden Dokumente, Zeugen, Bilder) können wir sagen: in diesem Land ist mal was fürchterlich schiefgegangen.

Bis heute rätselt man darüber nach, was denn eigentlich. Es gibt zwar eine ganze Reihe von Erkärungen (je nach politischem Standpunkt kann man sich die heraussuchen, die dem eigenen Vorteil am meisten dienlich ist) aber letztendlich zeigt es sich: für dieses Ausmaß und diesen Wahnsinn gibt es eigentlich keine rationale Erklärung .... es wäre besser für uns, das hätte es nie gegeben, dann dann könnten wir noch in einer ziemlich heilen Welt leben. So muß man sagen: manchmal kann die Irrationalität ziemlich zuschlagen in diesem Land.

Die Bildzeitung hatte da ja schon mal einen schlimmen Verdacht:

Teufel, Satan. Das Böse. Allgegenwärtig. Aber wo versteckt es sich?
Mitten in Berlin!
Das behauptet die renommierte Bibelforscherin Adela Collins in der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift „Biblical Archaeological Review“. Frau Prof. Collins hat in Harvard und Tübingen studiert und lehrt Neues Testament an der US-Elite-Uni Yale.
Satans Wohnsitz und sein „Thron“, so Collins, sei der weltberühmte Pergamon-Altar, der auf der Museumsinsel mitten in der deutschen Hauptstadt aufgestellt ist und Millionen Zuschauer anzieht.

Ich fand diese These damals ziemlich daneben, bis ich herausgefunden hatte: die Frau hat Recht. Rein historisch gesehen ist der Pergamonaltar wahrscheinlich der Altar, den der Apostel Johannes als Sitz des Teufels bezeichnet hat ... und wir haben ihn dummerweise nach Berlin geholt. Danach war das Kaiserreich futsch, die Republik futsch, die Zivilisation futsch ... man könnte schon versucht sein, auf einmal sehr religiös zu werden, damit man endlich wieder an die Menschheit und vor allem an die Deutschen glauben kann.

Wenn man eine Erklärung für diesen Wahnsinn gehabt hätte, die wirklich letztlich funktioniert, dann ... ja dann bräuchte man sich keine Sorgen machen, das es wieder passiert. Man hat aber keine - und es passiert gerade wieder. Vor aller Augen - und keinen kümmerts.

Auch das war schon mal so. Als nach und nach Juden, Zigeuner, Arbeitslose, Homosexuelle, Gewerkschaftler, Linke und letztlich jedermann, dessen Nase irgendeiner Uniform nicht paßte abgeholt worden ist ... wo war denn da der Protest? Wo waren denn die großen Demonstrationen, der große Widerstand?

Sie waren nicht da. Es gab sie einfach nicht. Es waren einige wenige, der Rest ... hat zum Führergeburtstag gejubelt. Der hatte zwar die Rücklagen der Rentenversicherung geplündert und somit Deutschlands Zukunft verspielt, aber da die Medien tagtäglich Sensationsmeldungen vom Aufschwung Deutschland brachten, hat man sich da mal keine Gedanken drüber gemacht. Ein Generalstreik zur Rettung der Juden, zur Verhinderung des Weltkrieges ... Fehlanzeige.

SPD (die mit der DEUTSCHLAND das erste aggressive Panzerschiff der Reichsmarine finanziert hatten ... mitten in der Krise) marschierte mit, die Gewerkschaften marschierten mit, die Linke ebenfalls. Das ist hier in dem Land so. Und gerade merken die Linken, das deshalb der Zug für sie abgefahren ist, denn ihr Lieblingsthema Hartz IV interessiert keinen mehr, so der SPIEGEL:

Der Unique Selling Point der Linken, das Thema Hartz IV, scheint seine Zugkraft zu verlieren. Schuld ist die Wirklichkeit. Sie hat sich, ohne jede Rücksicht auf die politische Programmdebatte, verändert und ist mal wieder weiter als die Vordenker der Partei.

"Es gibt keine Erosion der Vollzeitarbeitsplätze", konstatierte Michael Hüther kühl. "Wir haben einen historischen Höchststand der Beschäftigung." Die Ministerin konterte noch schärfer und sprach von "Schmarren", "Humbug" und "Gysis Legenden": "Neunzig Prozent der Arbeitsverhältnisse sind unbefristet", sagte sie, "achtzig Prozent davon Vollzeitarbeitsplätze".

Es ist alles in Ordnung, es gibt keine Krise. Es sind nur noch 4,7 Millionen Hartz IV Empfänger (eine Zahl, an die wir uns gewöhnen müssen, sie erscheint seit einigen Tagen überall in den Medien), man rechnet die Kinder jetzt konstant heraus, weil Kinderarbeit ja verboten ist und man die Kinder konsequenterweise dem Aufschwung opfern muß ... neue Porsche braucht das Land, und wo wir oben einen Porsche haben wollen müssen unten viele Kinder hungern - und dieses System findet die Mehrheit in diesem Land ganz in Ordnung. Ein Drittel kann man ruhig auf den Müll schmeißen, wenn nur das obere Zehntel immer reicher wird und zwei Drittel den Traum leben können, via LOTTO mal dazu zu gehören.

Das gehört zu diesem Land dazu. Einfach mal ... in die Geschichte schauen. Die wiederholt sich gerade, siehe SPIEGEL:

Erstmals gefragt wurde, ob die Religionsausübung für Muslime in Deutschland erheblich eingeschränkt werden sollte. 58,4 Prozent stimmten dieser Aussage zu, mit dem Grundgesetz ist sie freilich nicht vereinbar. Im Westen mit 53,9 Prozent etwas weniger, im Osten mit 75,7 Prozent deutlich mehr - obwohl dort deutlich weniger Muslime leben.

Damit wird klar, das sich 58, 4 % der Deutschen (75,5% im Osten, die sind auch in der Zwangsarbeitsdebatte auffällig geworden) von der freiheitlich demokratischen
Grundordnung der BRd verabschiedet haben - oder nicht verstanden haben, das Religionsfreiheit ein wichtiges und sicheres Biotop in einer demokratischen Gesellschaft sein muß.

Aber das diese soziale demokratische Gesellschaft nicht mehr das Gelbe vom Ei ist, sieht man an dem Rest der Studie deutlich:

Die Antworten zeichnen ein düsteres Bild: Mehr als 90 Prozent der Befragten halten es demnach für sinnlos, sich politisch zu engagieren. 39,1 Prozent fühlen sich in ihrer unmittelbaren Umgebung nicht wohl und sicher. Immerhin liegt die Zustimmung zur Idee der Demokratie in Ost und West bei über 90 Prozent.

Gefragt nach der Demokratie, wie sie im Grundgesetz der Bundesrepublik festgeschrieben ist, sinkt die Zustimmung aber auf 73,6 Prozent - und mehr als die Hälfte der Bürger zweifelt an der tatsächlichen demokratischen Praxis: Die Zustimmung zur Demokratie, wie sie in Deutschland funktioniert, beträgt nur 46,1 Prozent.

Nun ... diese Konsequenz scheint mir logisch, wenn man einfach mal durch die Nachrichten wandert, zum Beispiel in der WELT:

Französischer Senat stimmt für Rente mit 62
Die Proteste und Streiks haben nichts genützt: Der französische Senat hat der umstrittenen Rentenreform zugestimmt.

Auch aus der Welt:

Den Deutschen droht die 45-Stunden-Woche

Eine Wochenarbeitszeit von 45 Stunden wird laut IWH-Forscher Blum bald zur Normalität. Und es könnte noch weiter nach oben gehen.

Ebenfalls Welt:

Privatversicherten droht Beitragsexplosion
Die niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten machen den Krankenversicherungen zu schaffen. Nun drohen deutlich höhere Beiträge.

Nochmal Welt:

Versagen der Eltern wird für Kommunen teuer

Noch nie brauchten so viele Familien staatliche Hilfe bei der Erziehung ihrer Kinder. Die öffentlichen Kassen kostet das Milliarden.

"Ihr werdet alle mehr arbeiten und mehr bezahlen ... und eure Kinder nehmen wir euch auch weg! Widerstand ist zwecklos" So die Botschaft.Und das war nur eine Zeitung - es gibt ja noch andere Medien - wie Ntv:

Krisenverunsicherte Mittelschicht
Angst macht asozial
Die Krise geht irgendwie vorüber, aber die Mittelschicht schrumpft und Menschen mit geringen Einkommen haben immer weniger Geld. Der Soziologe Jürgen Mansel sieht viele verunsicherte Menschen. Er befürchtet, viele könnten versuchen, ihren eigenen Identitätsverlust durch die Abwertung anderer zu reparieren.

Leben wird in diesem Land wieder großflächig vernichtet: diesmal erstmal als Lebensqualität, die wir dem Moloch Arbeit opfern und zwar gern, weil das ganze Land sich in ein riesiges Prekariatsexperiment verwandelt, so die Studie "Die Mitte in der Krise":

Diese Prekarisierungsprozesse sind nicht
nur auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen begrenzt, zum Beispiel auf
jene, die am Rand des Arbeitsmarkts stehen. Sie durchziehen im Gegenteil
die gesamte Gesellschaft und gehen nach dem Soziologen Robert
Castel, der in seiner Auseinandersetzung mit der Geschichte der Lohnarbeit
die Diskussion zur „Rückkehr der Unsicherheit“ maßgeblich geprägt
hat, gerade von dem Wandel der Lohnarbeit in der Mitte der Gesellschaft
aus (Castel 2000, u. a. S. 385) und wirken auch auf diese zurück. In
Anlehnung an Pierre Bourdieu weist Klaus Dörre darauf hin, dass Prekarisierung
nicht nur Desintegrationspotenziale birgt, sondern auch gesamtgesellschaftlich
diszipliniert, insofern Menschen zum Beispiel eher Konzessionen
in einer bzw. für eine Erwerbsbeschäftigung hinnehmen und
Erwerbsarbeit mehr und mehr als Privileg erscheint (Dörre 2008, S. 250).

Und was machen unsere tollen Konzerne? Anstelle von Lohnerhöhungen? Sie spenden -laut Welt - in den USA:

Deutsche Unternehmen füttern den amerikanischen Wahlkampf mit Spenden in Millionenhöhe. Wie Zahlen der US-Wahlkommission FEC und des unabhängigen Center for Responsive Politics (CRP) zeigen, haben deutsche Firmen über ihre US-Töchter bisher rund 1,7 Millionen Dollar in das Rennen um die freiwerdenden Sitze im Washingtoner Kongress gepumpt.

Dafür ist Geld da. Dafür ist immer Geld da. Aber nicht für Lohnerhöhungen.

In einer Kultur der Angst (wir berichteten) kann man keine Revolutionen machen. Da nützen auch keine Demonstrationen mehr. Vielmehr hilft es, den Tatsachen ins Auge zu schauen ... jenen Tatsachen, die 90% der Deutschen bedingungslos aktzeptieren:

Politisches Engagement lohnt sich nicht mehr. Das ist kein Willensausdruck, das ist eine Erfahrung, die die Franzosen jetzt auch machen - oder die Gegner von Stuttgart 21.

Nur jene, die sich dank Beziehungen Hoffnung auf eine Parteikarriere machen können und aufgrund ihrer sozialen Lage fähig sind, viel Zeit und Geld in diese Karriere investieren zu können finden politische Arbeit noch lohnend. Der Rest beugt sich der Realität ... und das ist die vornehme Fratze der Konzerndiktatur, die ohne großen Lärm diskret im Hintergrund ausgeübt wird.

Vorne findet nur noch Kasperletheater statt: Kaspar Merkel verhaut Teufel Westerwelle - oder ähnlich.

Entertainment - mit immer den gleichen Botschaften: MEHR ARBEITEN + MEHR BEZAHLEN = WENIGER LEBEN.

Auch wenn es keinen Teufel geben sollte: dieses Land verwandelt sich in ein Land, in dem er sich wohl fühlen würde und das sich wieder mal würdig erweist, seinen Altar beherbergen zu dürfen.

Und was machen die selbsternannten linken Gewerkschaftler in diesen Zeiten?

Sie gründen eine Internetseite, um den Eifelphilosophen zu beobachten.

Stimmt, von mir geht wirklich eine Riesengefahr aus. Ich bin echt schlimmer als Merkel, schon alleine, weil ich die MERKEL-WEG-BEWEGUNG nicht unterstütze. Was soll das auch? Schröder und Fischer haben die
AGENDA 2010 in die Welt gerufen ... welche Hoffnung sollte mir also ein Bündnis rot-rot-grün machen?
Ehrlich gesagt, hat Merkel weniger Unsinn angestellt als Schröder, warum sollte sich also mit ihrer Abwahl irgendetwas zum Positiven ändern? Die FDP mit Westerwelle war ja sogar für die Einführung von Bürgergeld ... aber auch da waren ja die Linken völlig dagegen, weil es eventuell weniger Geld gegeben hätte (eine Vermutung, die völlig aus der Luft gegriffen war, aber man brauchte ja das politische Thema Hartz IV zur Erlangung von Bundestagsmandaten, ging ja nicht, das gerade die FDP das Thema dann einfach ganz abschafft).

Nun ja. Laut aktuellem Gesetzentwurf ist der Staat die Verantwortung für die Hartz IV-Abhängigen bald los. Die notorisch finanziell klammen Gemeinden dürfen/müssen in Zukunft über die elementarste Lebensäußerung von Arbeitslosen entscheiden: das WOHNEN. So kann man bequem eine Riesenkürzung vornehmen, zu der die Gemeinden auch verpflichtet sind um sich nicht weiter zu verschulden. Der Staat ist fein ´raus, weil er ja sogar fünf Euro mehr gegeben hat.

Die Vernichtung durch Arbeitslosigkeit wird dezentralisiert, könnte man sagen.

Hartz IV ist nun mein Thema seit sieben Jahren. Seit zwei Jahren schreibe ich öffentlich darüber und rede nicht nur mit dem Nachbarn, den Arbeitskollegen, den Kunden und der Familie darüber. Was hat mir das Engagement eingebracht?

Viel Hass von ... Linken. "Rechten" reicht es, aus mir eine "linke Bazille" zu machen, aber "Linke" werden da sehr schnell sehr persönlich, so als hätte ich in irgendeiner Weise die Verpflichtung, ihr privater Mülleimer zu werden. Gut, man kennt Linke ja: wenn zwei von ihnen zusammenkommen, bilden sie schnell drei Parteien und sieben Absplitterungen mit zwölf separaten Untergruppen. Deutsche Kleinstaaterei halt, die dazu führt, das dieses Land eine bequeme Mehrheit links von FDP und CDU hätte haben können, sich aber lieber mit kleinlichen Positionskämpfen und Selbstdarstellungen beschäftigt und das Regieren gerne denen überläßt, die halt in Punkto Machtausübung mehr Erfahrung und weniger Hemmungen haben: dem Adel, dem Großkapital und - neu im Spiel - den Großkonzernen.

Da kümmert man sich lieber um die "reine linke Lehre", die man dann bequem von der Oppositionsbank aus formulieren kann um so mit ruhigem Gewissen sagen zu können: Wir waren dagegen!

Währendessen marschieren Millionen von Langzeitarbeitslosen in den Kältetod. Das erwarten auf jeden Fall manche Mitarbeiter der Caritas. Aus in der Regel gut unterrichteten Kreisen habe ich erfahren, das verantwortungsbewußte ARGE-Mitarbeiter ihren Kunden mitlerweile schon raten, sich von ihrem Hausstand zu trennen, weil da etwas sehr Häßliches auf sie zukommt und sie für so viele Möbel keinen Platz mehr haben werden. Andere hoffen noch, das sich das nicht so entfaltet, wie es aussieht. Sind halt auch nur Menschen, die ARGE-Mitarbeiter - die können das auch nicht so einfach ignorieren, was dort mit ihren Mitbürgern geschieht ... und was sie umsetzen müssen, um nicht selbst zu dem Heer der Verfolgten zu gehören.

Die anderen können es sich da bequemer machen - so wie jene freundlichen Mitmenschen, die mir geschrieben haben, das sie nicht mehr hier lesen wollen, weil ... es ihnen den Sonntag vermiest, wenn sie da was Schlechtes lesen.

Das man inzwischen so stolz aus seine Asozialität sein kann und das offen äußert, haut mich echt um.

Das man sich dann aber noch gerne für einen linken, aufgeklärten, engagierten Mitmenschen halten möchte, erst recht - aber das ist halt mein persönliches Problem, dafür kann ich ja den "Gutmenschen" nicht noch verantwortlich machen, auch wenn er mit seiner heiligen Sonntagsruhe dem Spruch "EURE ARMUT KOTZT MICH AN" eine neue Form verleiht.

Deutschland schafft sich ab. Jedenfalls das alte Deutschland, die Bonner Republik, die auf dem Wege zu einer echten Demokratie war.

Wohin die Berliner Demokratie marschiert, werden wir noch erleben.

Mir persönlich wird sehr unwohl dabei, wenn ich die Marschrichtung der Mehrheit des Volkes verlängere ... dabei besteht die Mehrheit dieses Volkes aus fleissigen, gerechten, hilfsbereiten und liebenswerten Menschen. Die Medien werden wissen, warum sie gezielt ... ein anderes Bild verbreiten.

Teile und herrsche. War schon immer so.