Manche möchten gerne ein glückliches Leben. Andere lieber ein sinnerfülltes. Beides zusammen ... geht nicht, philosophierte mir gestern jemand vor.

Es schien auch logisch. Zum glücklichen Leben muß man ganz im Moment leben. Im hier und jetzt. Zum Beispiel wie diese Menschen hier:

http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a6528/l21/l0/F.html#featuredEntry

Heulen, hotten, Halleluja: Für die einen war Bhagwan Shree Rajneesh ein Menschenfänger, für andere der Erlöser. In den achtziger Jahren verfielen Tausende Menschen dem Inder, der Enthaltsamkeit predigte und Dekadenz lebte. Auch in Deutschland fand der Guru-Hype zahlreiche Anhänger - darunter einige Prominente.
Selbst der Philosoph Peter Sloterdijk war für mehrere Monate Jünger im Ashram des Gurus

...was zeigt, das auch bundesdeutsche Großphilosophen gedankenlosem Unsinn frönen können - auf der Suche nach Glück.

Man ist verwundert und kriegt es mit der Angst zu tun, wenn man sieht, was die bundesdeutsche "Elite" sich in Poona alles angetan hat.

Die 2005 verstorbene Schauspielerin Eva Renzi berichtete hingegen von traumatischen Erlebnissen: Nackt habe sie einer Gruppensitzung teilgenommen, in deren Verlauf sich 15 Menschen auf sie gestürzt und sie gewürgt hätten, bis aus ihrer "Nase das Blut strömte". Sie sei panisch aus dieser "Hölle" geflüchtet.

Viel Sinn scheint das nicht zu machen, aber offenbar waren alle so glücklich, das sie umsonst arbeiteten:

Vor allem für den Guru selbst. Denn während die Sannyasins weiterhin mit dem Nötigsten auskommen mussten, umgab sich ihr großes Vorbild mit Luxus. Er schmückte sich mit teuren Uhren und Glitzer-Roben. Seine Rolls-Royce-Flotte von 93 Fahrzeugen war legendär. Die Dekadenz des Meisters und das Großprojekt Rajneeshpuram verschlangen Millionen. Der öffentliche Vorwurf der Ausbeutung wurde immer lauter, denn das Geld zur Finanzierung brachten die Jünger durch ihre Arbeit in den weltweiten Zentren der Bewegung auf. Die Vorwürfe spielten innerhalb der Organisation keine Rolle - arbeiten, das sogenannte "worshipping", war für die Anhänger auch Meditation (worship=Andacht) und untrennbarer Teil ihres Alltags.

Ein Paradies für die Rendite! So wahrscheinlich stellt sich der Bundesverband der deutschen Unternehmer unsere Zukunft vor. Der Manager fährt einmal täglich an der Belegschaft vorbei, welche diesen Moment als Bezahlung, Urlaub und Mittagspause verbucht und dabei lauthals jubelt, während sich seine Taschen mit Geld füllen.

Man merkt: das Glück der einen ist für andere ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor.
Aber nicht alle suchen das Glück. Manche suchen einfach Sinn. So wie die Wikinger. In einer hochseetüchtigen Nußschale auf dem Ozean nach Amerika suchen macht sicherlich nicht so glücklich wie Poona, es ist naß, kalt und lebensgefährlich. Aber man kann sagen: man hat was aus seinem Leben gemacht.
So denken auch die Isländer. Kein Wunder ... wenn die sich aufs hier und jetzt konzentrieren, ist es kalt, nebelig, karg und ... auch sonst nicht angenehm. Darum jagen sie jetzt Banker:

http://www.welt.de/wirtschaft/article7133628/Island-jagt-die-Schuldigen-der-Finanzkrise.html

Die Isländer wollen es ganz genau wissen: Der Inselstaat hat eine Untersuchung zur Finanzkrise auf den Weg gebracht – um herauszufinden, welche Politiker am Desaster Schuld sind. Am Montag wird das 2000-Seiten-Werk vorgestellt. Anschließend soll sich ein Sonderermittler dann die Banker des Landes vorknöpfen.

Da ist jetzt Schluß mit lustig. Die Isländer haben sich etwas vorgenommen, was unsere Poona-Jünger längst
abgeschrieben haben: ihren Kindern eine Welt zu hinterlassen, die etwas besser ist als die, die sie selbst vorgefunden haben. So etwas machte jahrtausendelang viel Sinn, auch wenn es mit Arbeit verbunden war. Wir hingegen hinterlassen unseren Kindern eine Welt, die in allen Punkten schlimmer ist als die, die wir vorgefunden haben.

Vielleicht sollten wir uns lieber ein Beispiel an den Isländern nehmen:

Ganz Island solle sich deshalb eine Woche frei nehmen, um den Bericht zu lesen,

In Zeiten, wo das Hörbuch immer mehr Anhänger findet, haben sich die Schauspieler des örtlichen Reykjavík Stadttheater etwas Besonderes einfallen lassen, um den Inhalt des Untersuchungsberichts unters Volk zu bringen. Gleich nach dem dieser publiziert worden ist, werden sie diesen auf der Theaterbühne verlesen – komplett und rund um die Uhr. Drei bis fünf Tage dürfte diese Lesung brauchen und jeder Isländer ist willkommen in Teilen oder komplett zu zuhören. Der Eintritt ist frei. Der Bericht wird ohne Kommentar verlesen.

Das nennt man Engagement. Dort wehrt sich ein Volk. Bei der Spontanumfrage der WELT sind 74 % der über 3000 Abstimmer gegen eine Untersuchung in Deutschland. Sie träumen lieber vom Gruppensex in Poona als die Namen Schröder, Fischer und Clement schon wieder zu hören, die durch die Gründung der HRE und die Deregulierung der Finanzmärkte den Stein in Deutschland ins Rollen gebracht haben. Daran haben viele verdient, die nicht ganz im hier und jetzt lebten, sondern ab und zu schauen, wie man mit den Fehlern der Vergangenheit die Vermögen der Zukunft gewinnen kann.

Aber so verschieden sind halt die Deutschen. Die einen sind glücklich, wenn sie im Rolls-Royce an der Belegschaft vorbeirollen, die anderen sind glücklich, wenn sie den Rolls Royce anbeten dürfen.

Mir selbst dünkt, ich habe eher Wikingerblut in den Adern. Oder bin einfach aus der Not heraus, die Finanzkrise nicht weiter bezahlen zu können, eher geneigt, nach dem Verursacherprinzip zu verfahren und jene die Krise bezahlen zu lassen, die sie auch angerichtet und an ihr verdient haben.

Aber wir werden zahlen. Tun wir immer. Wir Deutschen sind als Lastesel und Nutzvieh dafür geboren. Wir machen sowas gerne. Wir sind da ganz kollegial, kameradschaftlich und selbstlos und zahlen gerne ohne Ende. Für Europa, für die Wirtschaft, für Griechenland ... wir zahlen sogar dafür, das wir eine schöne Arbeitslosenstatistik haben:

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/sozialabgabenfreiheit-neue-milliardenspritze-fuer-die-kurzarbeit;2561190

Nach dem Entwurf, der dem Handelsblatt vorliegt, soll die Bundesagentur (BA) bis Mitte 2012 neben dem Kurzarbeitergeld ab dem siebten Monat Kurzarbeit die Sozialabgaben voll erstatten. Eigentlich sollte diese im vergangenen Sommer auf dem Höhepunkt der Krise geschaffene Regelung 2010 auslaufen. Dies hätte dazu geführt, dass sich die Kurzarbeit ab 2011 für die Betriebe um rund ein Drittel verteuert hätte.

Und sogar die Kurzarbeiter hüpfen vor Glück in die Höhe, denn sie dürfen sich an den Zahlungen beteiligen:

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/kurzarbeit-hunderttausende-muessen-steuern-nachzahlen;2503381

Hunderttausende Kurzarbeiter werden einem Medienbericht zufolge vom Fiskus nochmals zur Kasse gebeten. Je nach Einkommen drohen den Kurzarbeitern dem Bericht zu folge Nachzahlungen von mehreren hundert Euro.

Nein, was für ein glückliches Land. Führen ein durch und durch sinnloses Leben, verzweifeln dran, das es sie bis nach Poona treibt ... aber dann sind sie doch wieder glücklich, das sie für andere zahlen dürfen und viel länger arbeiten als die Südeuropäer, die von unserem Geld dann mit 61 in Rente gehen, während wir bis 76 schuften dürfen. Oder 67? Egal, bis ich 67 bin gilt sowieso 76.

Schade, das ich irgendwie nicht deutsch genug bin, um damit glücklich zu werden. Das ist der böse Fluch der Philosophie. Man findet "sinnvoll" irgendwie besser. Und ich glaube ... es macht auch glücklicher.
Ganz sicher.

Sinn bringt Glück. Unsinn ruft nach Betäubung. Sinn sitzt im Garten und schaut sich den Flug der Vögel an - Unsinn schaut DSDS.