Nun haben wir es offiziell: wir bewegen uns auf das Ende des römischen Reiches zu. Prima, kann ich nur sagen, denn das römische Reich war Mist. Im Prinzip wurden dort für Europa Prinzipien erarbeitet - imperiale Prinzipien - unter denen wir heute noch leiden. Die hatten sogar schon Mietskasernen und DSDS ... auch wenn es eher: Rom sucht den Supergladiator hieß. Die hatten halt damals weniger Grüne und konnten noch richtig zulangen, weil die allgemeine Erklärung der Menschenrechte noch nicht veröffentlicht war.

Wenn es nach einigen führenden Unionspolitikern geht, wäre es wohl auch für unser Land schön, wenn wir diese lästigen Menschenrechte endlich abschaffen könnten. Immerhin kosten die nur und bringen nichts.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,677225,00.html

Guido Westerwelle attackiert den Sozialstaat: Ufert die Hartz-IV-Mentalität aus, droht Deutschland "spätrömische Dekadenz", fürchtet der FDP-Chef. Offenbar hat er ein schiefes Geschichtsbild. Sonst würde er nicht solche Phrasen verbreiten - die zudem die Falschen treffen.

Guido Westerwelle ... der Mann, der nebenbei mehr verdient als die meisten deutschen als Jahreseinkommen haben:

http://www.nebeneinkuenfte-bundestag.de/westerwelle-dr-guido/

38 anzeigepflichtige Nebentätigkeiten bei 38 Vertragspartnern/Organisationen
Nebeneinkünfte im Jahr 2009: mindestens 70.000 €

Nun, so bekommt man Geld für Nichtstun, damit man sich darüber aufregen kann, das andere Geld für Nichtstun bekommen. Das ist aber dann ein gutes Nichtstun gegenüber dem bösen Nichtstun der Anderen. Verstehen kann ich das nicht ganz, erkennen aber schon.

Und wenn mehr Leute Geld für Nichtstun bekommen außer Guido, dann landen wir bei der spätrömischen Dekadenz.

Ob der überhaupt weiß, was das Wort bedeutet? Viele Philosophen haben sich an dem Wort ausgelassen, manche halten es sogar für eine leere Hülse. Aber einen haben wir, der konnte was damit anfangen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Dekadenz

Die Ausdehnung Roms führte nach Montesquieu zu einer Erschöpfung, und der ständige Aufschwung zerstörte gerade die Tugenden, die für ein funktionierendes Staatswesen notwendig seien. Die Vermittlung eines einheitlichen „allgemeinen Geistes“ (ésprit general) sei unter dem Einfluss eroberter Kulturen unmöglich, der esprit géneral verfalle und werde durch Partikularinteressen ersetzt.

Ständiger Aufschwung führt zur Förderung von Partikularinteressen ... und das ist dann Dekadenz. Kurz gefaßt, die steuerliche Förderung von Hotels in Zeiten der Wirtschaftskrise ... DAS ist Dekadenz.

Die Beschäftigung des Volkes mit küsntlichen Realitäten wir Gladiatorenkämpfen und Christenverbrennungen, während das Reich langsam zerfällt ... spätrömische Dekadenz.

Die Macht in den Händen einiger weniger, die immer mehr wollen ... spätrömische Dekadenz.

Der Glaube an die eigenen Unbesiegbarkeit und ewige Gültigkeit der eigenen Macht ... spätrömische Dekadenz.

Wir sehen: Guido hatte nicht ganz so Unrecht mit der Beschreibung des Zeitalters. Aber ... eine Funktionsanalyse will ihm nicht so ganz gelingen. Rom ging nicht durch seine Sozialleistungen zugrunde. Im Gegenteil ... die hätten ihm wohl noch helfen können, ein neues "Wir"-Gefühl zu erzeugen. Aber auch dort ging es nur noch um die Verteilung der Pfründe, das war wichtiger als sich der Realität zu stellen.
Und um von der Realität abzulenken, hat man dann gerne auch mal Menschen geopfert, die "Schuld" waren.

Auch ein Zeichen spätrömischer Dekadenz. Damals Christen, heute Arbeitslose. Wir sind nicht mehr weit von der Nachricht entfernt, das ein wütender Mob von Niedriglohnempfängern eine arbeitlose alleinerziehende Hartz-Schlampe auf offener Straße bei lebendigem Leibe verbrannt hat. Jedenfalls ... wenn es nach dem Willen des Herrn Westerwelle geht.

Sogar der Spiegel empört sich über die historische Dekadenz des Herrn Westerwelle und zitiert den kleinsten gemeinsamen Nenner der "Rom-Untergangs-Forscher":

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,677225,00.html

Nur in einem sind sie sich ziemlich sicher: Wenn da etwas richtig faul war im Staate Rom, dann die intellektuell korrumpierte und luxussüchtige Elite. Also das eine Prozent der Bevölkerung, das alle Reichtümer Roms unter sich aufteilte - aber ganz sicher nicht die verarmte Unterschicht.

Guido der Seher hätte also von materieller Dekadenz in Deutschland sprechen können, über die Banker zum Beispiel, die nach einer Krise, an deren Folgen die ganze Welt leidet und die sie maßgeblich verantwortet haben, nun fette Boni einstreichen. Und er könnte - ohne dem Stammtisch das Wort zu reden - auch vom lebensfernen Dasein der Berliner Classe Politique berichten, von fahrbereitschaftlich zur Verfügung gestellten Luxuskarossen, von Empfängen und Anlässen, bei denen Büffets aufgetürmt sind, so reichlich bestückt, das noch jedem Hartz-IV-Empfänger der Magen übergehen würde.

Schon fast revolutionäre Worte von einem so systemtreuen Organ ... aber das zeigt umsomehr, das es sich um eine unumstößliche, über jeden Zweifel erhabene Wahrheit handelt: wir gehen unter, weil unsere Machtelite ein System zur Selbstbereicherung geschaffen hat. Daran ändern auch Wahlen nichts, sie sind nur noch ein Freifahrtschein für die Gewählten zur persönlichen Bereicherung - und zehn Lobbyisten pro Abgeordneten sorgen schon dafür, das der Abgeordnete nicht aus der Reihe tanzt.

Darum ist der Islam so gefährlich ... für die Reichen. Er hat dem System etwas entgegenzusetzen: Ethik und Moral. Das könnte sich bei den Armen dieser Welt ausbreiten wie seinerzeit das Christentum. Es wird aber nur interessant, weil es Perspektiven für die Armen enthält, die sie über ihre Situation hinwegtrösten können, nicht weil sie an sich etwas mit dem System anfangen können. Aber sie sind wenigstens nicht mehr so alleine.

Und die Ärmsten der Armen sind in diesem Land, das sie zur Aufnahme nicht vorhandener Arbeit mit Gewalt zwingen will, ziemlich allein, denn jetzt will man ihnen sogar noch das bischen Arbeit verbieten, das sie noch haben:

http://www.wiwo.de/politik-weltwirtschaft/die-hartz-iv-wende-421041/

Langsam, ganz langsam, in der dritten Woche der Hartz-IV-Debatte, lichtet sich der Nebel - und endlich wissen wir, an welchen Strang der hessische Ministerpräsident Roland Koch, seine ideologische Adjutantin im Familienministerium, Kristina Köhler, und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (alle CDU) eigentlich ziehen: Nicht um die Verbesserung der Hinzuverdienstmöglichkeiten für Hartz-IV-Empfänger geht es den dreien, wie alle Öffentlichkeit immer noch meint und der Kollege Jürgen Rüttgers (CDU) immer noch fordert - sondern um deren Abschaffung.

Wir werden stattdessen wir im alten Rom die Zwangsarbeit wieder einführen, denn Sklaven versprechen nun mal immer und überall die höchste Rendite:

Ursula von der Leyen hat es in einem Fernsehinterview am Wochenende präzisiert; es geht um nichts weniger als eine rigorose Umkehrung des Leistungsgedankens: Nicht der Staat habe den Arbeitslosen mit allerlei Anreizen zur Aufnahme einer Arbeit zu bewegen, sondern der Arbeitslose habe die Pflicht, als Gegenleistung für staatliche Sozialtransfers arbeiten zu gehen.

Die logische Herleitung dieses Entschlusses interessiert mich schon gar nicht mehr. Erst war es noch wichtig, diese Menschen überhaupt in irgendeiner Form in der Nähe der Arbeitswelt zu halten, eine milliardenschwere Industrie hat sich ja gerade deshalb entwickelt...alles Steuergelder, 14 Milliarden im letzten Jahr.

Jetzt will man den Menschen, die noch gerade ihren 400-Euro-Job haben, auch noch diesen wegnehmen.

Vielleicht will man sie bald auch an Laternen binden, mit Öl bestreichen und anstecken, das gehört zu einem ordentlichen Rom dazu.

Wie auch immer ... Zwangsarbeit wird wieder zu weiterem Abbau von regulären Arbeitsplätzen führen. Je mehr Menschen umsonst arbeiten umso größer wird die Begehrlichkeit der Wirtschaft, an dieses Gratisarbeitsleistung zu kommen. Und sie brauchen auch so etwas, 25%- Rendite fallen nicht aus dem Nichts, irgendwo muß die Wertschöpfung dafür stattfinden und im Vergleich zu afrikanischen Kindersklaven, die die Grundlage unserer Wertschöpfungsketten bilden, sind unsere Arbeitslosen viel zu teuer.

Da kann man sein Geld wirklich besser in Kinderarbeit investieren. Da bekommt man dann auch ganz ordentlich was dafür.

Nun ... vielleicht müssen wir den ganzen römischen Zirkus nochmal durchleben. Vielleicht werden Nostradamus Prophezeiungen noch war. Nur wird diesmal das oströmische Reich zuerst untergehen, wer Geld genug hat, flieht in die USA ... die dann etwas später dem Untergang folgen.

Widerwärtiger wahnhafter Fanatismus ist es, was uns in den Untergang treibt. Der Versuch, das Volk in eine Blutorgie des Hasses zu treiben, damit man seine Pfründe in Ruhe ins Ausland schaffen kann.