Darf ich eigentlich wagen, etwas anzugreifen, das ich gar nicht kenne? Als Blödfunkabstinenzler muß ich gestehen: ich habe es nie gesehen und mich oft gefragt, wofür dieses Kürzel DSDS denn nun schon wieder steht. Degenerierte Sozialdemokraten demolieren den Sozialstaat? Deutsche SuperDeppen auf Sardinien?
Doofe Sadisten drangsalieren Sozialfälle? Deutschland sucht das Superbaby (da gab es doch mal so einen Film ...)

Später habe ich herausgefunden ... ich lag mit meinen Vermutungen gar nicht mal so falsch. Irgendwie hatte meine Suche nach einer Erklärung des Akronyms den Inhalt der Sendung getroffen. Sicher wird der Sozialstaat nicht in dieser Sendung demoliert, aber ohne den demolierten Sozialstaat wäre diese Sendung undenkbar, denn mangels Bildung und Ausbildung irren tausende von Jugendlichen durch die Gegend und träumen mangels realer Chancen auf dem Arbeitsmarkt vom Leben als Modell oder Sangesknecht.

Ich habe dann mal ... bei Wikipedia ´reingeschaut. Ich schätze das nicht sehr, wenn ich konkrete Informationen suche, die ich nicht andernorts nachgeprüft haben. Zu oft habe ich festgestellt, das dort Dinge stehen, die mit der Realität wenig zu tun haben, aber als Halbwissen für Nerds im ersten Moment ausreichen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutschland_sucht_den_Superstar

Was mich natürlich in erster Linie interessiert: werden die denn auch Superstar? Und guckt das wirklich ganz Deutschland?

Zur ersten Frage: offensichtlich ist es noch nicht gelungen, einen Superstar zu produieren, obwohl das Geld, das man durch die Telefonhotline eingenommen hat, schon ausreichen dürfte, einen zu bezahlen.

Durch Deutschland sucht den Superstar erreichten mehrere der Teilnehmer eine zumindest kurze bis mittelfristige Medienprominenz im deutschsprachigen Raum. Dauerhaft konnte sich jedoch keiner wirklich in der Industrie etablieren,

Es scheint sich also um die aufwendige Produktion mittelmäßit begabter Eintagsfliegen zu handeln. Was will man aber auch von einem Programm erwarten, in dem ein Dieter Bohlen in der Jury sitzt. Schon mal scherzhaft habe ich von ihm - der ja jahrelang in der Versenkung verschwunden war - als "Poptitan" gehört, dabei hat der von Musik soviel Ahnung wie ich vom Kokosnußanbau.

Es scheint bei dieser Schau ja aber auch gar nicht um Musik zu gehen. Der singende Fleischer Raab hat ja
mal was dazu gesagt:

Raab bezeichnete DSDS in einem Interview mit dem Spiegel „als inszeniertes Abwatschen armer Seelen, das nur niederste Instinkte befriedige“ Raab selbst bekam ja einen Preis für eine Gegenveranstaltung zu den:

gelackten Megaveranstaltungen, wo mit bigottem Ernst suggeriert wird, echte Superstars zu kreieren, tatsächlich aber synthetische Sangesmarionetten installiert werden, zum schnellstmöglichen kommerziellen Gebrauch, mit Nachhaltigkeitsfaktor Null – es sei denn, sie existieren in einer Witzfigurenfunktion für die Klatschpresse weiter

Was mich verwunderte ... das die Aufschichtsbehörden erst so spät einschritten.

Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) leitete im Januar 2007 ein Prüfverfahren zu DSDS wegen „möglicher sozialethischer Desorientierung von Kindern und Jugendlichen“ ein. Bei der KJM waren bis dahin auch eine Reihe von Beschwerden aus der Bevölkerung eingegangen. Antisoziales Verhalten, so die KJM, werde von einer Identifikationsfigur wie Dieter Bohlen als cool und erfolg­ver­sprechend dargestellt. Respektlosigkeiten im Umgang miteinander gehörten zur Machart der Sendung. Es handele sich nicht um singuläre Entgleisungen, sondern offenbar um eine bewusste Inszenierung durch den Sender, so der Vorsitzende der KJM, Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring.

Antisoziales Verhalten ... ja, vielleicht ist der Dieter ja dafür Fachmann. Soll ja schon mal nackt durch den Garten rennen.

Und wieviele schauen das jetzt?

http://www.presseportal.de/pm/7847/1549466/rtl_television_gmbh

Durchschnittlich 5,56 Millionen Zuschauer ab 3 Jahre (16,8 % MA) verfolgten die sechste Castingsendung von DSDS

24.1.10 Am gestrigen Samstagabend sahen starke 28,9 Prozent der 14- bis 49-Jährigen (3,49 Millionen) "Deutschland sucht den Superstar" bei RTL.

Ungeklärt ist, ob die antisoziale Kampagne für die Zunahmen an medienwirksamen Amokläufen verantwortlich ist ... wundern würde es mich nicht. Auch eine interessante Zuschauergruppe, diese Kinder ab drei Jahren.
Die lernen schon früh das Niveau kennen, das in Bohlens Stammkneipe herrscht.

Man würde ja nun Konsequenzen erwarten, deutliche Stimmen gab es laut Wikipedia ja schon:

Beleidigende Kommen­tare der Jury sowie die redaktionelle Aufbereitung und Inszenierung der Auftritte einiger Kandidaten seien geeignet, die Entwicklung von Kindern unter zwölf Jah­ren zu beeinträchtigen. In einem Massenmedium werde vorgeführt, wie Menschen herab­gesetzt, verspottet und lächerlich gemacht werden. Antisoziales Verhalten werde auf diese Weise als Normalität dargestellt. Dies könne Werten wie Mitgefühl, Respekt und Solidarität mit anderen entgegenwirken. Auch die Ausstrahlung der betreffenden Sendungen im Hauptabendprogramm sieht die KJM in Hinblick auf Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 16 kritisch und erwartet künftig die Vorlage bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) bereits in den Produktionsprozessen sowie eine intensive Diskussion über mögliche Jugendschutzprobleme. Trotz der Feststellungen der KJM muss DSDS nicht ins Spätprogramm von RTL verschoben werden, was eine übliche Vorgehensweise bei jugendgefährdenden Sendungen ist. Die KJM werde DSDS jedoch verstärkt kontrollieren und analysieren.

Aber diese Konsequenzen erwartet man vergebens. Wer sich nun wundert, sollte sich mal die Zukunft anschauen, die diese kleinen Zuschauer erwartet:

http://www.hintergrund.de/index.php/politik/inland/in-der-zentralen-dienstvorschrift-der-bundeswehr-kommt-das-verbot-von-angriffskriegen-nicht-mehr-vor.html

Das Verbot von Angriffskriegen kommt in der ZDv nicht mehr vor. Soldatinnen und Soldaten werden gleichermaßen verpflichtet, „im Kampf auch zu töten“. Außerdem sollen sie „regionalen Krisen und Konflikten, die Deutschlands Sicherheit beeinträchtigen können, wenn möglich vorbeugen und zur Krisenbewältigung beitragen“, „globalen Herausforderungen, vor allem der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus und der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen begegnen“, „den freien und ungehinderten Welthandel als Grundlage unseres Wohlstandes fördern und dabei die Kluft zwischen armen und reichen Weltregionen überwinden helfen“.

Unser Land hat in Zukunft wohl einen gesteigerten Bedarf an antisozialen Charakteren, die mordend und plündernd mit unseren amerikanischen Brüdern für amerikanische Rendite durch die Welt ziehen. Da muß man gegenüber DSDS schon mal nachsichtig sein.

Vielleicht gibt es da ja auch bald mal ein Kürzel für "Deutsche Soldaten demilitarisieren Syrien". Auch eine tolle Show.

Dazu haben wir ja jetzt scheinbar auch den richtigen Generalinspekteur der Bundeswehr:

Zum einen betonte er, dass sich die „nachhaltige Legitimation von Streitkräften weniger auf Paragrafen mit Verfassungsrang als auf die Akzeptanz der Bundeswehr in der Bevölkerung“ stütze.

Die Akzeptanz deutscher singunkundiger Superdoofer scheint ihm gewiss zu sein. Natürlich steht unser General damit weit jenseits der Verfassung, aber wen stört das schon: Hauptsache, er kann schön singen.

Mit diesen schnoddrigen Kasinosprüchen wird er dem Ernst des Problems keinesfalls gerecht und zeigt, wes Ungeistes Kind er ist.

Unser Grundgesetz ist nicht in Paragraphen, sondern in Artikel unterteilt, und die wichtigen Artikel 26 und 87a scheint der Herr General offensichtlich nicht zu kennen. Wenn er auf die Akzeptanz der Bundeswehr in der Bevölkerung so großen Wert legt, sollte er sich schleunigst die Forderung von 71 Prozent der Deutschen zu Eigen machen und seinem Minister einen möglichst schnellen Abzug aller deutschen Soldaten aus Afghanistan empfehlen.

Wohin schlittert unsere Demokratie, wenn ihre Sicherheit in die Hände solcher Verteidigungsminister und Generäle gelegt wird?

Wohin? Dieter sucht doofe Soldaten ... ab 2012. Oder Dieter sucht Supersoldaten? Nee, das wäre ja SS ... das hatten wir schon. Wäre ja politisch unkorrekt.

Auf jeden Fall beruhigt mich eins: 71 % der Deutschen wollen ´raus auf Afghanistan, 16,8 gucken DSDS ... der Rest hat keinen Fernseher. Das gibt ein wenig Hoffnung.

Kann man DSDS nicht auch irgendwie als Terror ansehen und die Bundeswehr ... ach nee, ist zwar Terror, aber nicht im Ausland. Dann geht das ja nicht.