Ja, der Sonntag eignet sich irgendwie immer gut dazu, sich mal Dingen, Phänomenen, Ereignissen zuzuwenden, die etwas außerhalb des alltäglichen Wahnsinns liegen.
Heute schwirrt es mir durch den Kopf, etwas über einen großen Fehler zu schreiben, der mich Zeit meines Lebens verfolgt hat und inzwischen sehr lästige Ausmaße erreicht.
Ich liebe Menschen.
Das war nicht immer so. In der Sturm- und Drangzeit kamen mir auch schon mal schrecklichere Gedanken in den Kopf, wie man mit Folterern umgehen sollte. Aber diese Zeit ist vorbei. Und selbst früher brachte ich es nicht über mich, einen Gegner, der am Boden lag, noch einen Tritt zu versetzen, um seine Lästigkeit endlich ins Jenseits zu befördern.
Ich habe mich damals immer damit herausgeredet, das es sich hier um eine britische inspirierte Ausprägung von Fairniss handelte, jedoch ... kann ich diesen bequemen Schwindel nun, im Alter, nicht mehr aufrecht erhalten.
Es zeichnet sich immer mehr ab, das ich Menschen einfach so liebe. Alle und jeden. Nahezu unterschiedslos.
Nun - das macht nicht gerade wehrlos und das merken viele, die meinen, ich wäre eine leichte Beute für dieses oder jenes ... und erschrecken sich dann, wenn sie merken, das der "bebrillte Hippie" (ja, irgendwie sehe ich überhaupt nicht so aus, aber manche sehen das irgendwie in mir. Seltsam ...) außerordentlich bissig ist und jede Form der Auseinandersetzung beherrscht - aber nicht zutritt, wenn man auf dem Boden liegt.
Natürlich ist diese Liebe zu Menschen ein außerordentlich lästiger Faktor. Ich denke, ich könnte wesentlich mehr Freunde haben, wenn es nicht so wäre. Denn alle jene, die sich mit mir solidarisieren wollen, um ihren Feinden mal "richtig auf die Fresse zu hauen" wenden sich schnell wieder ab, wenn sie merken ... das ich in erster Linie das Liebenswerte in Menschen sehe, auch in ihren Feinden.
Ich bin nun alles andere als christlich, und wenn ich jemals eine Religion mein eigen nennen sollte, dann würde es eine eher archaische Form sein, die wesentlich mehr Lebendigkeit und Zauber erhält, die mehr was für das Herz und die Seele ist als für den Verstand.
Und auch ... im Umgang mit Frauen ist diese Menschenliebe nicht gerade förderlich. Nein, um Sex geht es hier gar nicht (obwohl Sex ohne Liebe eigentlich so fruchtig ist wie alkoholfreies Bier. Ich mag beides nicht. Bier sollte schon ein paar Umdrehungen haben...sonst ist es irgendwie ... falsch). Es geht hier mehr um ... geforderte Ausschließlichkeiten. Jedoch ... wenn man mehr Kinder hat, dann liebt man auch alle, und nicht nur eins. Und Sex mit ihnen hat man trotzdem nicht. Also ... irgendwie scheint das doch zu gehen.
Gesünder für´s miteinander wäre da jedoch eher, man würde alle hassen. Dann käme man auch sonst, so glaube ich mitlerweile, streßfreier durchs Leben. Man bräuchte sich weniger zu erklären, müßte sich seltener mit Psychologie und Psychoanalyse beschäftigen, um die verhaltensmäßigen Absonderlichkeiten seiner Mitmenschen mit den eigenen Gefühlen ihnen gegenüber in Einklang zu bringen.
Auch beruflich wäre es besser ... man könnte skrupellos sehr reich werden, wenn es einem egal ist, welche
Trümmer man hinter sich läßt. Eigentlich geht "reich werden" gar nicht anderes - und ich spreche da mitlerweile aus Erfahrung und nicht aus der bloßen ideologisch geprägten Theorie heraus.
So ein ganz klein wenig "reich" war ich auch mal ... das teuerste Zimmer, in dem ich gewohnt habe, hat
1395 DM pro Nacht gekostet. Ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, was man mit dem Geld alles Gutes hätte bewirken können. Und viele Menschen geben jede Nacht viel Geld dafür aus, in diesem Hotel wohnen zu dürfen - selbst heute noch. Unsummen ... die Millionen von verhungerten Kindern verhindern könnten.
Aber solche Gedanken macht man sich nur, wenn man Menschen an sich liebt.
Manchmal denke ich, vielleicht ist das so eine Krankheit. Eine Art genetischer Deffekt. Vielleicht werden irgendwann auch Medikamente dagegen entwickelt, die einem helfen, dann besser durchs Leben zu kommen.
Praktischerweise (und ich stehe ja dazu, das ich ein bekennender Pragmat bin) macht die Liebe zu Menschen das Leben nur unendlich komplizierter.
Irgendeinen praktischen Nutzen mag ich eigentlich immer weniger zu erkennen.
Jedoch ... vielleicht kennt ja einer meiner Leser ein Mittel dagegen.
Dann könnte ich in Ruhe in die Industrie zurückkehren und endlich richtig herumwüten - auch völlig unbeeindruckt von der Krise ... da gibt es nämlich noch reichhaltige Möglichkeiten zum gezielten Abkassieren. Gerade jetzt. Das technische Potential habe ich dazu ... nur halt nicht das optimale Steuerungsprogramm.
Und da wird es schon ein wenig Paradox, das wenn man das fühlt, was viele Religionen als Ideal predigen, man eigentlich immer schlechter mit der Welt zurechtkommt.
Da kann doch was nicht stimmen....oder?