Regelmäßig zu dieser Jahreszeit bekomme ich Besuch von einem Freund aus der Zukunft. Das braucht mir jetzt keiner glauben - er kommt trotzdem.
Er ist wohl leider so eine Art Psychohistoriker und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Zeitalter der
"postreligiösen Dogmen und ihrer Vernichtungswirkung auf das Sozialgefüge".
Leider? Ja, leider. Er benutzt seine Maschine wie unsereins einen neuen BMW - keiner von uns hat eine Ahnung, wie sein jeweiliges Gefährt funktioniert, reparieren könnten wir es nie - aber es ist benutzerfreundlich. Sein Zeitmaschinenufo hat sogar elektrisch Licht und fließend Warmwasser.
Tolles Teil - leider die meiste Zeit des Tages unsichtbar. Lichteffekte gibt es nur beim Ein- und Austritt in das jeweilige Raum/Zeit-Gefüge. Meint er jedenfalls, ich kann das nicht beurteilen.
Anfangs habe ich ihn immer vom Hof gejagt, weil ich echt nicht wußte, was ich mit ihm anfangen sollte.
Als ob ich Zeit hätte für seine sinnlosen Fragen und haltlosen Plappereien.
Dann hat er versucht, mich mit Glasperlen zu bestechen.
Die habe ich ihm dann um die Ohren gehauen.
Aber als er mit italienischem Mandellikör ankam ... nun, da war ich schon geneigter, ihm ein Ohr zu leihen.
Eigentlich darf ich gar nicht über unsere Gespräche reden ... meint er. Ich jedoch habe ihm versichert, das ich sie in der "Tagesschau" veröffentlichen könnte - es würde niemand glauben.
Die postreligiösen Dogmen wirken absolut sicher.
Es gibt kein Leben außerhalb der Erde. Es gibt keine UFO´s. Es gibt keinen Gott. Es gibt keine Geister.
Es gibt nur das, was materiell ist. Es gibt keine Vschwörungen.Der Mensch ist eine biologische Maschine. Und so weiter und so weiter....
Leider darf er auch nicht mit mir reden ... über die Zukunft, meine ich. Er ... hält sich sehr streng daran. Aber manche seiner Fragen ... sind verstörend. Deshalb dachte ich mir ... veröffentliche ich sie mal ein wenig ...
Er:"Habe ihr nicht gemerkt, was sich zusammenbraut am Psychohistorischen Horizont?"
Ich: "Nun, einige schon. Die merkwürdige Vermischung von Okkultismus und Politik bei den Herrschenden ist dem einen oder anderen aufgefallen. Aber dann ... gab es das inoffizielle Verschwörungsexistensverbot sowie das Dogma der Nichtexistenz von Okkultismus... und somit wurde da nicht weiter drüber nachgedacht."
Er: "Aber kam es denn niemandem merkwürdig vor, das die herrschende Finanz- und Machtkaste sogar im Weißen Haus zu Gesprächen mit Totengeistern zusammentraf, das offiziell aber als Humbug gebrandmarkt wurde?"
Ich: "Humbug von oben sind wie gewohnt. Jeden Tag gibt es da eine volle Breitseite von."
Er: "Verstehe. Oder auch nicht, aber ... nun gut. Wie steht es denn mit den realgeschichtlichen Konsequenzen der logischen Weiterentwicklung psychisch determinierte Gundwerte?"
Ich: "Häh?"
Er: "Nun, wenn eine Gesellschaft sich zum Beispiel am Grundwert "Ästhetik" orientiert, entwickelt sie sich anders, als wenn der Grundwert "Kapitalmaximierung" heißt. Kapitalmaximierung enthält von vornherein das Potential, das Menschen "Kosten auf zwei Beinen werden" ... und diese Aussage haben führende Kapitalpriester eurer Zeit öffentlich getroffen, das fand ich in alten Aufzeichnungen.Man hätte das doch sehr frühzeitig erkennen müssen, das das menschliche Leben irgendwann der Kapitalmaximierung weichen muß, weil auch die reine Produktion von Versorgungsgütern nicht mehr dem Profitmaximum dienen kann."
Ich: "Uh, ja, also - das haben schon einige erkannt. Aber nach dem wir "Big Brother" überlebt hatten, mußten wir noch den "Superstar" suchen, da blieb kaum Zeit für philosophische Reflexionen. Und die Philosophie steckt seit hundert Jahren in der Krise ..."
Er: "Aber der religiöse Charakter dieser Bewegung der Kapitalmaximierer hätte doch wenigsten den organisierten Religionen eurer Zeit auffallen müssen ... er was doch genau das Gegenteil von dem, was ihre religiösen Grundüberzeugungen ausmachte".
Ich: "Die halten aber auch Aktien. Und nicht zu knapp."
Er: "Verstehe."
Schweigen.
Er: "Und der fortschreitende Einsatz von Robotern, ihre zielgerichtete Perfektionierung zum Ersatz von Menschen in allen Lebensbereichen im Sinne der Effektivierung von Kapitalertrag ... da hätte man doch auch frühzeitig merken können, wohin das alles läuft?"
Ich: "Ja, schon. Ich schreibe selbst gelegentlich drüber. Aber die eine Hälfte meiner Mitmenschen sucht noch den Superstar, die andere Hälfte wartet drauf, wie Bayern am Wochenende spielt. Da bleibt wenig Zeit, sich über große Dinge Gedanken zu machen, die zudem gegen das Dogma des Verschwörungstheorienichtexistenz verstoßen. Da wird das schon schwierig, sich durchzuwursteln".
Er: "Aber man brauchte doch gar keine Verschwörungstheorie, um zu sehen was kommt. Allein ein sorgfältiges Studium der Werte bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidern hätte zeigen können, wohin die Reise geht ... auch ohne das man die Gruppierungen wahrnehmen muß, die diese Entwicklung bewußt forciert haben."
Ich: "Ja."
Er: "Wie jetzt, ja?"
Ich: "Na eben: ja. Stimmt. Ist aber eben nicht passiert."
Er: "Ja, aber warum denn nicht?"
Ich: "Keine Ahnung. Sag du es mir. Ist meine Zukunft, aber Deine Vergangenheit."
Er: "Neee, das geht jetzt nicht."
Ich: "Wieso"
Er: "Zeitparadoxondogma".
Ich: "Siehste!"
Er: "Also, äh... ich muß dann mal wieder los. Wir sehen uns nächstes Jahr wieder. Und danke für das Gespräch".
Ich: "Danke für den Likör. Aber nächstes Jahr könnte auch ruhig noch ein Kasten Bitburger dabeisein.
Nur mal so als Vorschlag. Und: gute Reise".
Er: "Gut, also.... sollte es euch das nächste Jahr noch geben, werde ich dran denken".
Ich: "Was soll das denn jetzt heißen...."
Er: "Ach ... nichts."
